Neujahrsgrüße 2010/11 31. Dezember 2010
Posted by Herr K. in Alltag.Tags: ISPE, Puszta, Ungarn
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Hallo mitlesende Gemeinde,
Seit Juni bin ich nun, fast ununterbrochen, in Ungarn. Einem Land, welches uns Deutschen den Mauerfall ermöglichte und sich nun 20 Jahre danach, durch ein neues Mediengesetz, einer rechten Regierung, den pressefreiheitlichen Maulkorb anlegt bekommt. Ich bin gespannt aus welchen Richtungen die Aufschreie kommen, wenn Ungarn im Januar die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt.
Was machst du da genau?
Mir einen Wunsch erfüllen. Ich wollte schon lange einmal, für längere Zeit, im Ausland wohnen und arbeiten. Es kam zwar Alles anders als gedacht, der Zufall war wieder treibende Kraft. Aber, okay! Nicht in meinem gelernten Beruf als Computerspezi in einem multinationalen Konzern, sondern als Sozialarbeiter in einem kleinem Verein. Nicht im fernen Osten, sondern relativ nah im Osten, in der Puszta.
Ich bin hier nun schon mit dem zweiten jugendlichen kriminellen Einzelgänger und Straßenkämpfer, um sie in einer ISPE (intensiv sozialpädagogischen Einzelbetreuung) zu sozial- und gesellschaftskompatiblen Einzelgängern und Überlebenskämpfer zu machen. Beide sind nach meiner subjektiven Meinung nicht kriminell, sie haben nur das falsche Verständnis für Schabernack oder jugendlichen Leichtsinn. Was für mich Äpfelklauen auf dem Lande (in dem Sinne: Diebstahl mit Hausfriedensbruch) und Klingelparty (oder auch Bimmelbahn genannt)(im juristischen Sinn wahrscheinlich Nötigung oder Ruhestörung eventuell sogar Beides) war, ist für meine Klienten (grausames Wort) Körperverletzung, Erpressung und der Gleichen der kickbringende Leichtsinn.
Wenn sie einem dann, durch dieses enge Zusammenleben Einblicke gewähren, offenbaren sie den werdenden Erwachsenen oder das Kind in sich, wollen auf Bäume klettern, im Gras liegen und reden mit dir über körperliche Veränderungen beim erwachsen werden. In solchen Momenten sind sie am zugänglichsten und man kann mit ihnen arbeiten. In der anderen Minute schalten sie zurück in ihr gelerntes Schema aus verbaler und körperlicher Gewalt, machen auf BigBoss und sie sind nicht mehr ansprechbar.
Wie arbeitest du da?
Was soll man tun, wenn Wissensaneignung und Schule bisher als uncool manchmal sogar als Strafe empfunden wurde, wenn Faulheit und Ignoranz ganz bewusst gegen dich verwendet wird?
Das mit der Schule war einfach. Ich hab die 9-13 Uhr Schule abgeschafft und hintenrum wieder installiert. Ihr fragt Euch wie das geht? Ein Beispiel: Mein Jugendlicher hat zum ersten Mal in seinem Leben den Mond rot aufgehen sehen. Ich fragte ihn wie das sein kann und ob er eine Idee hat. Dabei stellte sich heraus das er nichts über unser Sonnensystem wusste. Also hab ich es ihm ganz simpel erklärt und dann kommen die Fragen von ganz alleine. Kurzum, nach einem etwas längeren Abend war die Erde keine Scheibe mehr und auch nicht der Mittelpunkt der Galaxie, weil er es wissen wollte.
Deutsch und Sozialkunde geht auch einfach. Hier hilft mir seine Langeweile. Ich setze mich vor den Rechner und lese Nachrichten. Was passiert wenn Einer etwas ganz interessiert tut und sich der Andere Langweilt? Genau, der Gelangweilte will wissen was da los ist und schon hab ich ihn wieder. Ich kann die Nachrichten filtern, er liest, wir diskutieren und recherchieren. Hier zeigen sich dann auch die Vor- und Nachteile unseres sehr langsamen Internet. Nachrichten und Wikipedia geht einigermaßen, wenn man die Grafiken und Bilder nicht mit lädt, YouTube oder MySpace geht natürlich nicht. Im StudiVZ eine Nachricht zu lesen kann schon mal 45 Minuten dauern.
Oder was will man tun wenn der Jugendliche auf dem Feld, im Schlamm, unbedingt Chucks anziehen will und keine Arbeitsstiefel. Man läßt ihn, in der Gewissheit das er sie nie wieder auf dem Feld oder im Schnee anziehen wird, weil es beim letzte Mal doch nicht so toll war. Also lernen durch Schmerz.
Wie wohnst du da?
Wir wohnen hier in einer Tanya (das sind winzig kleine Gehöfte in der Puszta, außerhalb von Ortschaften. Im Übersetzer kommt Einödhof). Man muss unsere als luxuriös bezeichnen. Der Luxus beschränkt sich aber auf Strom, WC, Waschmaschine, Badewanne und elektrische Warmwasserbereitung im Bad. Weil wir gerade beim Wasser sind, unser Grundstück hat zwar einen Brunnen, dass Wasser kann jedoch nicht getrunken werden. Zum Abwaschen und Baden geht es. Trinkwasser müssen wir aus dem Dorf mitbringen. Bis dahin sind es ca. 5km. Da es vor dem ersten Schnee zwei Wochen am Stück geregnet hat, versinken wir im Schlamm. Momentan schafft es nicht einmal ein Traktor zu unserem Grundstück, um uns das Feuerholz zu bringen (auch Luxus – eine Holzzentralheizung). Durch die stark wechselnden Temperaturen von +14°C bis zu -18°C (in einer Woche) liegt entweder zuviel Schnee oder zuviel Schlamm rum.
Was hat das letzte Jahr gebracht?
- neue Mitbewohner
Bei meinem ersten zweimonatigem Aufenthalt in Ungarn ist der R-Dent mit seiner Freundin zusammen gezogen und nun auch noch Norman. Allen sei es gegönnt. Ich bin etwas traurig und werde die kreativen und gedankenkorrigierende Abende vermissen.
Mit den beiden Neuen
habe ich im eigentlichem Sinne noch gar nicht zusammen wohnen können. Ich freue mich darauf. - einen neuen Beruf
Durch David (bei den meisten von Euch, Street) bin ich beim Pfad ins Leben e.V. gelandet und dabei geblieben. Im Moment steht im Arbeitsvertrag noch pädagogische Hilfskraft, wir werden sehen wie sich das ändern lässt.
Einblicke in die ungarische Kultur und Lebensweise
Der Verein hat hier eine Familie als Mitarbeiter finden können. Diese kümmert sich um die Häuser des Vereins, sollten sie leer stehen und hilft uns wenn die Gasflasche leer oder die Pumpe abgesoffen ist. Diese Familie lässt uns an ihrem Leben teilhaben, lässt uns beim Schlachten oder der Weinlese helfen und lädt uns zum Feiern ein.Solche Aktionen nutze ich gleichzeitig als Motivationssystem, bei der Familie gibt es schnelles Internet, deutschsprachiges Fernsehen und gute ungarisches Hausmannskost. Alles was meinen Jugendlichen anspricht. Ich kann ihm bei solchen Gelegenheiten zeigen, dass Wurst vom Schwein und nicht von LIDL kommt bzw. erst einmal wie ein Schwein aussieht.
Das kleine Problem dabei, nur die 16jährige Tochter spricht deutsch. Sie hilft mir die ungarische Grammatik und Aussprache zu lernen, hat man das System einmal verstanden ist auch Hódmezővásárhely kein Problem mehr.- Erkenntnis
Da brauche ich noch ein paar gedankenkorrigierende Abende zum sortieren.
Ganz spezielle Grüße und Dank an
- Norman für das Management, für das mich aushalten, ohne ihn wären mir viele coole Aktionen in den letzten Jahren verwehrt geblieben.
- den Rest des Thomas-Clans² fürs immer da sein.
- meinen kleinen Bruder, der nun in Berlin eine Familie gründet
- Christian, der wenige Kilometer von hier mit einem ähnlichem Fall arbeitet. Als Ideengeber und Mentor bist du spitze.
- meine Mitbewohner – Blumen gießen! – Danke
- Mela – wenn jemand sagt “Es ist Freitag”
Ihr glaubt nicht wie ich einen normalen (gewöhnlichen Erfurter) Freitag vermisse. - Herr Paulik. Danke fürs mit gehen. Ihr Zelt liegt bei mir zuhause. Fahr doch beim nächsten mal rechts ran und nimm es einfach mit.
- meine Kollegen
Was geht Dir noch durch den Kopf?
Mitte 2011 sind wir 7Milliarden Menschen auf der Erde – Korea droht mit Atomwaffen – Deutschland wird der Euroausstieg empfohlen – π und RoWu
Wir sehen uns nächstes Jahr
Das Interview führte ich mit mir selbst
Hallo Ronny,
es war sehr interessant, deinen Blog zu lesen!Sehr schön, dass du dir deinen Wunsch, im Ausland zu leben, erfüllen konntest! Wir schicken dir ganz liebe Grüße aus Berlin und wünschen dir einen guten Rutsch ins Jahr 2011 !! Weiterhin so viel Erfolg und Spaß im Beruf und vor allem Erfolg mit deinen “Klienten” wünschen dir Andreas und Susi
Ganz super gemacht. Läßt sich gut lesen. Bleib tapfer. Bis bald liebste Grüße aus Schlotheim
Hi Ronny,
sehr schön geschrieben!
Hey Doktor Key!
Einen sehr schönen und ausführlichen Bericht über deine Gesamtsituation hast du da verfasst. Schön (und lustig) zu lesen.
Ich hoffe du bist gut rein gerutscht!
Peace! Roman
lieber ronny,
hier auch ein lebenszeichen meinerseits! die besagte mail stand etwas länger aus, was an allen vorbereitungen lag. hast einen schöne artikel verfasst, einfach und klug zugleich.
freu mich, dass du in ungarn so nachhaltige wurzeln schlägst. alles passierte ja mit einem ruck.
ich habe mich nun für ein erasmus-semester nach nicosia aufgemacht, und den romansky seiner alleinigkeit überlassen. bin seit drei tagen hier. jedenfalls sei du herzlichst gegrüßt & lass es dir nach alter sitte gut gehen und halt alle ohren steif! bis bald einmal. wie ist deine e-mail-adresse? ciao! lara